28.02.2009
Der SalzburgerThomas Geierspichler (32) kommt am Donnerstag als Eröffnungsgast der „intercura“ nach Dornbirn. der „Sonntag“ sprach vorab mit Österreichs erfolgreichsten Behindertensportler über Drogen, die Macht des Glaubens und über das Sterben.
Der Salzburger Thomas Geierspichler (32) kommt am Donnerstag als Eröffnungsgast der „intercura“ nach Dornbirn. Der „Sonntag“ sprach vorab mit Österreichs erfolgreichsten Behindertensportler über Drogen, die Macht des Glaubens und über das Sterben.
Melanie Fetz
Der Salzburger Thomas Geierspichler ist ein absoluter Ausnahmeathlet. Spätestens seit den Paralympics in Peking ist der charismatische Rollstuhlfahrer in fast ganz Österreich bekannt, denn dort holte er sich mit neuem Weltrekord Olympisches Gold im Rollstuhl-Marathon. Mit der Kraft der Motivation und seinem unbeugsamen Willen schaffte er den Sprung aus dem Drogensumpf, überwand sein Handicap und siegte schließlich über sich selbst.
Der Morgen des 4. April 1994 sollte das Leben des Thomas Geierspichler verändern. Nach einem Autounfall mit der ernüchternden Diagnose „Lähmung ab dem fünften Halswirbel“ zerfällt das Leben des Salzburgers in Trümmer. „Ich schaute in den Spiegel und meine ersten Gedanken waren: Ich werde nie wieder ein Mädel haben, nie wieder Fußball spielen. Nicht einmal umbringen kann ich mich.“ Der seelische Schmerz wird immer größer. Er kifft sich jeden Tag zu, greift unter anderem auch zu LSD und Koks und ertränkt seinen Kummer zusätzlich noch mit Alkohol. Mit „Gleichgesinnten“ zieht er um die Häuser und verliert den Realitätssinn. Kaum jemand kommt mehr an ihn ran.
Plötzlich ist alles anders
Erst drei Jahre später kämpft sich der Salzburger wieder zurück ins Leben. Er trifft Wolfgang, der ihn lehrt wieder zu glauben. Er bittet Gott um Heilung, doch vorerst passiert nichts, der junge Mann kommt nicht aus seinem Loch heraus. Nach einem Besuch bei Bekannten kommt es während der Heimfahrt plötzlich zur Wandlung: „Ich begann zu beten, dass Gott mir helfen soll vom Saufen und Kiffen wegzukommen.“ Er schleudert nach kurzem Zögern die Kippe aus dem Fenster. „Ich merkte, wie die Drogen meine Energie gedämpft haben.“ Geierspichler beginnt mit Krafttraining, liest die Bibel und fastet. „Plötzlich glaubte ich, ich müsse wie Jesus drauf sein. Ich aß fast 40 Tage lang nur Suppe. Dann begann Gott meine Seele zu heilen.“ Der Gelähmte hört auf vor der Realität davonzulaufen und akzeptiert sich so, wie er ist. Der Bibelvers aus dem Markus-Evangelium „Dem Glaubenden ist alles möglich“ wird zu seinem Lebensmotto. Einen weiteren Vers aus der Heiligen Schrift zitiert Geierspichler auf die Frage, was denn Glauben für ihn bedeute: „Der Glaube ist die Verwirklichung dessen, was man hofft. Eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht.“
Zu Tränen gerührt
Hermann Maiers Auftritt in Nagano inspirierte den späteren Weltrekordhalter. Als das Schi-Idol wenige Tage nach seinem Wahnsinns-Sturz in Nagano (1998) auf dem Stockerl stand und die Bundeshymne gespielt wurde „hat es mir einfach die Tränen rausgedrückt“. „Von da an war mir klar, wie Gott arbeitet. Ich habe gespürt, dass die Hymne auch einmal für mich gespielt werden wird“, erklärt der Mann mit den leuchtenden hellgrünen Augen, der beschloss an den Paralympics teilzunehmen.
Geierspichler beginnt kurze Zeit später mit dem Rennrollstuhlfahren. „Am Anfang war ich nach 100 Metern schon platt, während die anderen gemütlich ihre Runden drehten.“ Der heute erfolgreichste Behindertensportler Österreichs ließ aber nicht locker und „steckte seine gesamte Energie rein“. Die Frage, ob Sport eine Ersatzdroge für den mittlerweile 32-Jährigen ist, verneint er. „ Ich habe mit meinem Schicksal abgeschlossen. Wenn es eine Droge für mich wäre, hätte ich ja noch etwas zu kompensieren.“
„Medaillen gegen Gehen“
Heuer jährt sich der Unfalltag zum 15. Mal. Der Paralympic-Marathon Sieger von Peking hat schon alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Trotzdem: „Wenn Gott mich vor die Wahl stellen würde, entweder Olympia-Sieg oder Gehen, würde ich alle meine Medaillen sofort zurückgeben.“ Noch immer glaubt er, dass Gott ihn heilt. Aber das spielt nicht mehr so eine große Rolle. „Ich kann auch damit leben, wenn er´s nicht tut. Ich bin, wie ich bin“, erklärt der Blondschopf selbstbewusst.
Den schweren Schicksalsschlag sieht Geierspichler nicht als Strafe an. „Wenn es keine Berge gäbe, sondern nur Prärien, wäre das Leben halb so spannend. Ich bin eben an einem Hindernis zerschmettert und versuche jetzt alles, was möglich ist, herauszuholen.“ Der sympathische Salzburger erklärt, dass man das Leben mit einem Wasserkanister, der tropft, vergleichen kann. Jede Sekunde tropft und tropft er und läuft langsam aus. „Ich möchte irgendwann nicht im Sterbebett liegen und sagen: Hätte ich dies und jenes doch gemacht. Wenn es heute soweit wäre, könnte ich sagen, es war alles perfekt.“
Grenzen überwinden
Mit dem Rennrollstuhlfahren will er noch solange weitermachen, solange es ihm sein Herz sagt. Visionen waren und sind in Geierspichlers Leben das, was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er jetzt ist – sportlich erfolgreich und menschlich gestärkt. „Wer Visionen hat, kann Grenzen überwinden. Nix ist unmöglich“, erklärt der Paradesportler auch in Vorträgen und Seminaren. Unter dem Motto „Von der eigenen Motivation zum Motivator“ gibt er seine Erfahrungen weiter. „Viele Zuhörer haben Tränen in den Augen, wenn ich zu ihnen spreche.“ Visionen seien wichtig und egal welche Art, es sei wichtig an sie zu glauben. „Auch wenn jemand auf den Mount Everest will, wird er unterstützt.“ Der Verein Walk´n´Roll den Geierspichler mit begründet hat, will behinderten Menschen mit Visionen helfen diese umzusetzen. Um dies zu ermöglichen, wurde ein Spendenkonto eingerichtet.
Trubel als Chance
Der Rummel um die Person Thomas Geierspichler ist groß. Manchmal ist der Trubel für den Visionär „schon ziemlich viel“. Auch seine Kraft, die er beim „Fernsehschlafen“ und bei einem guten Buch sammle, sei begrenzt. Seit Peking habe er kaum eine ruhige Minute gehabt. Dennoch sieht er die Situation als Chance. Eine Chance, um sich selbst zu verwirklichen. Und als eine Chance für den Behindertensport.
Was die Zukunft bringen mag, ist ungewiss. „Ich habe nichts Konkretes geplant. Ich lasse alles auf mich zukommen, mein Herz wird es mir sagen, wenn es Zeit ist.“